Frei von Amazon war ich schneller als ich denken konnte. Eine Email von cis@amazon.de klärte mich unpersönlich darüber auf, dass mein Konto mit sofortiger Wirkung gelöscht sei! Trotz zweimaliger Verwarnung – auf die ich angeblich nicht reagiert hätte – sei meine Retoure-Verhalten nicht besser geworden.

Stille.

Ein zweites, langsameres Lesen.

Sacken lassen.

Erste schriftliche Versuche zur Korrektur dieser Entscheidung blieben ohne Erfolg. Schließlich hatte ich meine Rechnungen noch nicht ausgedruckt. Also versuchte ich es telefonisch beim Kundensupport. Schließlich wollte ich wissen, ob es einen Weg der Gnade gäbe. Eine letzte Chance sozusagen. Eine freundliche Frau ohne Akzent nahm mich entgegen. Ein freundliches Hin und Her im Gespräch mit der Antwort, dass der Schritt unumkehrbar sei. Ich fragte, ob das technischer Natur oder einfach eine Entscheidung sei:

Sie: Es ist eine Entscheidung.
Ich: Die ist trotz meiner über zehnjährigen Mitgliedschaft wirklich nicht rückgängig zu machen?
Sie: Nein, das ist leider so vorgesehen.
Ich: Gilt die denn lebenslänglich?
Sie: Ja, leider.
Ich: Tatsächlich?!
Sie: Ja, tut mir leid. Ich würde das auch nicht so machen, aber so habe die das in der Abteilung entschieden.
Ich: Ok, dann weiss ich Bescheid.

Das fand ich rigoros. Einmal Bad Boy, immer Bad Boy. Amerikanische Mentalität. Lebenslänglich! Todesstrafe ist in dem Fall noch nicht möglich. Aber wer weiss, was noch mit den Drohnen kommt! Liegt die Weltherrschaft des Konsums einmal in den Händen weniger Konzerne – aber lassen wir das.

Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, war ich seltsam ruhig. Eher erstaunt als verärgert, eher erleichtert als empört. Hauptsache die schicken mir die Rechnungen nach. Und Konsumieren ohne Amazon habe ich mir manchmal echt schon vorgestellt! Und auch der Gedanke, das Konto selbst zu löschen, fiel nie unter ein Denkverbot.

Aber die Bequemlichkeit! Diese tückische, schleichende, gehirnerweichende Bequemlichkeit! Ich gebe es zu, auch ich litt unter einem fortgeschrittenen Stadium! Gepaart mit einer gewissen, irrationalen Gier nach Schnell-günstig-haben-wollen. Da vergass ich in Leichtigkeit die unternehmerischen Freiheiten des Wilden Westens von Mitarbeiterschikane bis „Steueroptimierung“.

Und ja! Der Kundensupport schmeichelt und ist ohne Wenn und Aber. Was das mit den Kunden macht, zeigt die Amazonverehrung in den Kundenrezensionen. Das hat religiöse Züge. Das wird persönlich genommen. Der Konzern muss mich als Kunden wirklich lieben! Die machen sogar seit Jahren Verluste für mich! Diese ungeschlagene User Experience! Die generiert Identifikation, die aus dem Stand ein Heer von Amazonverteidigern rekrutieren könnte, um Shitstürme – aber lassen wir das.

Nun, jetzt geht es um mich und meine Freiheit ohne Amazon. Eine gute Gelegenheit, meine Konsumverhalten wieder etwas mehr zu sozialisieren und lokaler, vielseitiger, überlegter zu kaufen. Weniger vor allem. Ich will öfter an diese Eingebung denken, die mir kam in diesen Tagen der herzlosen Verbannung: Genuß ist Verzicht.